Band 664: Film 2 Zähler: (1 - 1940) ARTE Mi, 16.01.2002 20:45 60 Min.
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iFN: 1797
Thema: Kino
Geliebtes Leben (2)
Europäische Filmtagebücher von 1940 - 1980
Amateurfilme
Dokumentation Menschen
Mehrteiler: Geliebtes Leben (2/2)
Der Blick des Einzelnen auf seine Welt, die er mit anderen teilt, ist das Thema des Films. Im 20.Jahrhundert haben viele unserer Zeitgenossen mit der Filmkamera ihrem subjektiven, unverwechselbaren Blick Ausdruck verliehen - als Amateure, als Liebhaber des eigenen Lebens und der Menschen um sich herum. Ihre mit der Kamera geschriebenen Filmtagebücher, die nicht zur Veröffentlichung bestimmt waren, hatten keinen anderen Zweck als den, die Wirklichkeit des Augenblicks für immer festzuhalten - unzensiert und ungeschnitten. Daher sind diese privaten Filmdokumente zumeist authentischer als jede Wochenschau. Und oft so bizarr wie kein Szenarium.
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Hunderte von Amateurfilmen aus Deutschland, Österreich, Frankreich, England, Skandinavien und Ost-Europa hat Michael Kuball zusammengetragen und die Autoren gebeten, diese selbst zu kommentieren. 100.000 Metern Film wurden zu einer Geschichte des Alltags, zu einem Beitrag der eigenen Ethnographie, zu einem Stück kollektiver Erinnerung montiert. Das Montageprinzip: Die Seele hinter jedem Bild, im Strom der Zeit. So entstand eine mehrdimensionale Wirkung, konkret und widersprüchlich wie das Leben selbst, wie unsere eigene Geschichte.

Band 664: Film 3 Vox Sa, 17.01.2004 22:10 125/116 Min.
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iFN: 2945
Thema: Film- und Medienkunst
Spiegel TV - Special
Die Geschichte des erotischen Films
Magazin
Reihe: Spiegel TV - Special
Sex und Film gehören zusammen. Schon mit Beginn der Kinematografie wurde Sexualität in Szene gesetzt. Seitdem filmen Menschen alles, was ihnen vor die Linse kommt: Das Leben, Menschen, Körper und auch Sex.
Ob "Alpenglühen im Dirndlrock" oder "9 1/2 Wochen" - Sex sells!
Die Entwicklung des erotischen Films reicht von verschämten Anfängen der "Sittenfilme" der 20er über Kolles Aufklärungsfilme der 60er Jahre bis zum Millionen-Business mit der Pornigrafie heute.
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Während die Öffentlichkeit Anfang des Jahrhunderts schon beim Anblick eines nackten Knies errötete, fielen im verborgenen Hinterzimmer Kleidung und Hemmungen. Heute hat der Zuschauer die Qual der Wahl: 24 Stunden Berieselung mit Erotik und Sex auf allen Kanälen - ob in Talkshows, Musikvideos oder Spielfilmen: Sex sells. Die gesellschaftlichen Normen und Moralvorstellungen haben sich verändert und damit auch die Einstellung zu Erotik und Sexualität.
SPIEGEL TV Special verfolgt die Entwicklung des erotischen Films anhand von originalen Filmausschnitten: Von seinen verschämten Anfängen über die Aufklärungsfilme der sechziger und siebziger Jahre bis zum heutigen knallharten Millionengeschäft der Pornografie. www.spiegel.de/sptv/special/0,1518,281037,00.html
· Siebziger Jahre: Die sexuelle Revolution der Schulmädchen [€]
· Zeitgeschichte: Wissenswertes über Verlangen:
Wissenswertes über Verlangen
Mit Staunen und Faszination hat eine ostdeutsche Forscherin die Sexfilme der Bundesrepublik untersucht - nun klärt sie in ihrem Buch "Schulmädchen-Report" auf.
Eine junge Frau sitzt vor dem Fernseher, sie traut ihren Augen nicht. Abend für Abend, Nacht für Nacht "fegten offenbar gehirnamputierte, einzig triebgesteuerte Frauen und Männer halb oder ganz nackt über den Bildschirm, immer auf der Suche nach der nächsten sexuellen Vollzugsmöglichkeit. Man pflegte die bayerische Mundart. Die Mädels trugen, so sie überhaupt bekleidet waren, Mini-Dirndln ohne Höschen drunter und die baumstarken Kerle - allesamt lächerliche Schießbudenfiguren - verkehrsfreundliche Lederhosen".
Das war kurz nach der Wende. Die Filme waren noch älter. Sie gaben der Zuschauerin, Medienwissenschaftlerin aus der DDR, einige Rätsel auf: Das sollte der neue Westen sein? So amüsierte man sich? Mit Doktorspielchen für ältere Herren, mit allzeit bereiten, bezopften Blondinen ("Schulmädchen-Report"), mit Nackedeis im Kuhstall? "Nicht die Bilder nackter und sexuell aktiver Menschen raubten mir damals regelrecht die Fassung, sondern der schmierige Film aus verklemmter Doppelmoral, der über diesen lag ... Nie zuvor war ich mit Inszenierungen von Sexualität konfrontiert, die mir derart lustfeindlich und menschenverachtend erschienen und sich dabei sowohl gegen Frauen wie auch Männer wendeten."
Der erste Schrecken wich dem Interesse. Als Forscherin und als Frau aus dem Beitrittsgebiet (wo FKK statt Pornografie eine Selbstverständlichkeit war) trieb Annette Miersch eine so einfache wie produktive Frage um: "Wer oder was bringt diese Leute dazu, so über Sex zu reden?"
Zunächst stellte sie fest: Die Filme, die sie faszinierten, waren Anfang der Neunziger bereits aus der Schmuddelecke im Keller geholt. 20 Jahre zuvor als Kinofilme billig produziert, füllten sie nun die leeren Nächte der Privatsender - und erreichten ein großes Publikum, vorwiegend männlich, reiferen Alters, gern auch im Osten.
Endlich aus dem Programm genommen wurden Filme wie "Helga und die Männer", "Heubodengeflüster" und "Zum Beispiel: Ehebruch" nach über zehn Jahren unermüdlicher Wiederholung, so ein Gesprächspartner Mierschs bei Sat.1, "weil die letzten Ausstrahlungen schon in eine Zeit fielen, wo die Werbewirtschaft verlangte, dass die Zielgruppe 14 bis 49 angesteuert wird. Und das Publikum dieser Filme war einfach zu alt".
Mierschs Verblüffung über die Tatsachen hielt sie davon ab, mit Theorien vorschnell zu sein. Der ewige Wunsch des staunenden Menschen, auf eine einfache Frage auch eine ebensolche Antwort zu bekommen, erfüllte sich ihr nicht - und ehrenvollerweise widerstand sie der Versuchung, sich eine solche zu basteln, wie ihre nun erschienene Studie "Schulmädchen-Report" zeigt*.
Anfang der Siebziger, so ermittelte sie, waren durchschnittlich 50 Prozent der bundesdeutschen Filmproduktion dem Erotikgenre verpflichtet. Auf der Suche nach den Schuldigen für die sexuelle Umweltverschmutzung dieser Jahre - Hoch-Zeit der Sexwelle in den westdeutschen Kinos, aber auch an den Zeitungskiosken - fand sie Kapitalisten und linke Studenten, seelenvolle Aufklärer und zynische Handwerker, Schauspieler in Finanznöten, die Werbewirtschaft, den Jugendschutz, die dänische Gesetzgebung und unglückliche Umstände.
Erfolglos blieb, trotz redlichen Bemühens, die Suche nach bösen Verschwörern: Selbst die Schlimmsten der Protagonisten wollten am Ende das Gute, aber die meisten wollten bloß Geld. Und die Zuschauer wollten hören und sehen: Geständnisse des Fleisches, Versuchungen der Nachbarschaft, Aufdeckung des Verborgenen - je besser getarnt als Exkursion in den Alltag, umso freudiger, weil zunächst entlastet, genossen. Die Sexfilme, darin Vorläufer der heutigen Fernsehpest Talkshow, verführten auch mit dem Versprechen, das Wissen über den Menschen, "wie er wirklich ist", zu erweitern.
Auf vertrackte Weise, wurde Miersch klar, ging der studentische Antikapitalismus der sechziger Jahre mit der sexuellen Befreiung à la Wilhelm Reich ein Bündnis gegen die Frauen ein - und fand seine perverse Fortsetzung im "Schulmädchen-Report", wo unter dem Vorwand der Volksaufklärung allzeit willige junge Mädchen Objekte männlichen Lustgewinns waren.
Die linke Sozialromantik der "Bottroper Protokolle" erlebte ihre traurige Entstellung in Werken wie "Laß jucken, Kumpel", und die unermüdliche Ausleuchtung von Schattenseiten der Gesellschaft fand ihre groteske Entsprechung in der "sozialkritischen" Rahmenhandlung der ersten "Aufklärungsfilme".
Im damaligen Jargon gesprochen: Die Kritik arbeitete der Repression, getarnt als repressive Toleranz, erst zu. "Das war quasi ein Verkaufsargument für diese Filme", sagt in schöner Unbefangenheit ein Miersch-Gesprächspartner vom Privatfernsehen, "1968 fing es an mit der sexuellen Revolution im Zuge der Revolte der Studenten, die gesagt haben: Wir machen das nicht mehr mit. Den Körper kann man ruhig zeigen. Und wir wollen uns ruhig auch offen zu unserer Sexualität bekennen. Das war also der Startschuss. Und auf einem niedrigeren Niveau folgten dann diese Sexfilme als Aufklärungsfilme."
Wie wir heute wissen, führte das öffentliche Reden über Orgasmushäufigkeit, abweichende Praktiken und Phantasien - in der Folge des legendären Kinsey-Reports aus den USA - nicht zur allgemeinen Entspannung, sondern zu verschärften, nämlich präzisierten Normen und der verbreiteten Angst, nicht zu genügen. Das Geheimnisvolle mochte verklemmt gewesen sein, die Verklemmung aber war auch Schutz gegen den Durchgriff des Leistungsprinzips auf die Intimität.
Doch diese Zeit der Unschuld, die kehrt nie mehr zurück. Keine Parfumwerbung ohne Sex, keine Automesse ohne Bikinimädchen, kein Hotelzimmer ohne Pornokanal. Niemand wird je wissen, wie die Sexualgewohnheiten der anderen wirklich sind, doch was man zu wissen meint, reicht, um zu verzweifeln. Mierschs unbefangenes Staunen ruft ein Phänomen ins Gedächtnis, das die westdeutsche Gesellschaft prägte - ungesteuert, von Bewusstsein und Hilflosigkeit gleichermaßen begleitet.
Ihr Buch ist aber auch ein eindrucksvolles, immer noch rares Beispiel für die möglichen Zugewinne der Wiedervereinigung aus ethnologischer Sicht: Was wir am jeweils anderen zunächst nur interessant finden, hilft beiden Seiten zur Selbsterkenntnis. Beschwerden aller Art gibt es inzwischen genug. Wenn das Kuriose der Anstoß ist statt der Kränkung, macht auch das Denken mehr Spaß.
ELKE SCHMITTER